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Meine Geschichte Teil II

Aria erzählt uns ihre Geschichte. Vom Verlust und dem Finden einer neuen Heimat, der Flucht und dem Ankommen in einem neuen Land.


von Aria, Deutschland



Zweiter Teil

Mitte August sind wir, also alle meine Onkel mit ihren Familien zu einem Onkel von meinem Vater gegangen, der damals in Kurdistan als Landwirt tätig war. Sein Haus war natürlich sehr eng für uns alle, weil es nur zwei Zimmer hatte und wir über 30 Personen waren. Deshalb schliefen alle draußen auf der Straße, auf dem Boden, ohne Decken und auch ohne Matratzen. Wir sind zwei Nächte geblieben. Von dort sind wir zu einem noch nicht zu ende gebauten Haus weitergezogen.

Das „Haus“ war noch eine Baustelle und voll mit allem möglichem Zeug (Müll uvm.), es hatte auch keinen Strom. Wir waren sehr müde und erschöpft, aber nichts destotrotz mussten wir zuerst das „Haus“ sauber machen. Dann sind wir hungrig wieder mit nichts auf dem nackten Boden im kahlen Haus eingeschlafen. Am nächsten Morgen gaben uns unsere kurdisch-muslimischen „Nachbarn“ Essen, Decken, Matratzen und Trinkwasser. Wir waren sehr dankbar. Nach einer Woche rief mein Opa (mütterlicherseits) an und berichtete, dass wir zu ihm in eine Hochzeitshalle kommen könnten. Es war eigentlich eine „Esshochzeitshalle“, weil man im Irak zwei Hochzeitshallen hat. Eine fürs Essen und eine andere fürs Tanzen und feiern. An demselben Tag, an dem mein Opa angerufen hatte, fuhren wir zu ihm und zogen in die Halle um.

Dort hatte man zwar Strom, aber keine Privatsphäre. D.h. es gab weder Zimmer noch ein Badezimmer. Wir schliefen alle nebeneinander auf dem Boden. Aber es gab dafür einen großen Raum mit Zugang zu warmem Wasser, den wir als Badezimmer und Küche benutzt haben. Aus diesem Grund duschten wir uns immer in der Küche.


Irgendwann fingen Leute an, ihre Hochzeiten zu feiern, weil sie Angst hatten, dass der Krieg bald auch in Kurdistan ausbrechen könnte. Deswegen leerten wir jedes Mal die Halle, indem wir alle unsere Sachen zusammenpackten und draußen auf der Straße warteten, bis die Feier vorbei war.

Während also viele Kinder in meinem Alter in der Halle getanzt und sich satt gegessen hatten, musste ich draußen auf der Straße hungrig und müde darauf warten, dass die Halle leer wird und wir wieder rein durften. Irgendwann gegen Mitternacht durften wir wieder rein, aber bevor wir schlafen konnten, mussten wir zuerst die komplette Halle gründlich reinigen, weil sie nach allem möglichem Essen und gekochtem Fleisch roch.


Am Anfang waren wir alle davon überzeugt, dass wir bald nach Hause zurückgehen können und dass wir nur ein paar Wochen an diesem Ort bleiben müssen. Erst als wir unzählige Male draußen auf der Straße saßen und warteten, realisierten wir, dass es kein Zurückkehren mehr gibt. Alle haben dasselbe gedacht, aber niemand hat sich getraut, es auszusprechen. Wir haben immer und immer wieder Haushaltssachen gekauft, um uns mehr zu Hause zu fühlen.

Erneut machten wir uns auf den Weg und zogen 2015 um in eine andere Stadt in Kurdistan, wieder in ein schmutziges „Haus“. Zum dritten Mal machten wir ein neues „Haus“ sauber, leiteten Strom ein und mussten uns einleben. Wir waren insgesamt 16 Leute in einem „Haus“ mit drei Zimmern, bis wir nach Deutschland kamen.


Nächste Woche geht es weiter ....


Zur Autorin:

Aria ist 18 Jahre alt und schreibt als Gastautorin bei Girlistic. Sie ist im Irak geboren und lebt mittlerweile in Deutschland. Da ihre Geschichte viele persönliche Details enthält, schreibt sie nicht unter ihrem richtigen Namen.



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